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Ehrenmal Tiergarten

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Perspektive Gesamtansicht (Zeichnung: D. Katsamakas)

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Perspektive Gesamtansicht (Zeichnung: D. Katsamakas)

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Vorderansicht (Zeichnung: D. Katsamakas)

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Aufsicht (Zeichnung: D. Katsamakas)

/ Idee: Leonid Sokhranski /

Vorschlag zur Installierung von Springbrunnen auf der Fläche des sowjetischen Ehrenmahls im Tiergarten Berlin.

Den Begriff des "Kalten Krieges" hat der amerikanische Präsident Harry Truman, kurz nach dem Abwurf der Atombombe über Hiroschima und Nagasaki, in das politische Lexikon eingeführt. Die europäische Brandstätte war noch nicht abgekühlt, als man auf der politischen Bühne schon einen neuen Krieg aufführen wollte. Euphemistisch umschrieb die damalige politische Rhetorik mit dem Begriff der "Kälte" die Möglichkeit einer noch viel entsetzlicheren Glut als die des abgebrannten Europas, die Glut des gespalteten Atom Kerns. Der Krieg schwelte, er zeigte sich in den Krisenherden, die sich mit bedrohlicher Geschwindigkeit vermehrten.

An welchem Ort auf der Landkarte steckten die Strategen ihre Fähnchen? Wo standen die Militärmaschinen mit laufenden Motoren, wo beobachteten die Feuerkoordinatoren durch das Okular der Kriegsoptik die Landschaft Tag und Nacht? Dieser Ort war die Stadt Berlin. Durch sie zog sich an Flussläufen und Straßenzügen die Grenze zwischen westlichen und östlichen Hemisphären. Der immer "warme" Grund an der Berliner Mauer war ein schlafender, aber in jeder Minute zur Eruption bereiter Vulkan.

Die von Grund auf mystische sowjetische Ideologie konnte solch eine wichtige Stelle keinesfalls außer Acht lassen. Sie verlangte nach einer visuellen Tat.Und schon am 11 November 1945 wurde dieses Verlangen umgesetzt: An der Kreuzung der alten Siegesallee und der Charlottenburger Chaussee, heute Straße des 17. Juni genannt, wurde ein Ehrenmal eingeweiht. Diese Gedenkstätte wurde den, im Sturm auf Berlin sowjetischen Gefallenen gewidmete. In der Heimat stampfte der Hammer der stalinistischen Nachkriegsrepressionen die überlebenden Offiziere und Soldaten in den ewig gefrorenen Boden derTundra. Aber auf der warmen Demarkationslinie des Tiergartens begrub man 2500 rechtzeitig gefallene und deswegen besonders heiß geliebte Kriegshelden.

Der Stalinkult schmiedete aus den Gefallenen die erste mystische Vorhut. Mit erschreckendem Glauben an seine absolute Herrschaft zog der "geniale Stratege" und der "Vater aller Völker" in eine neue Schlacht. Diese originelle Kriegstechnik beabsichtigte einen freien Zugang in die beiden Welten, der Toten und der Lebenden. Stalin war nun nicht nur der Oberbefehlshaber der Lebenden sondern auch der Toten. Seine strategische Position hatte er von den Zwängen physischer Realität befreit - er schuf sich ein Übergang aus der einen Welt in die andere.

Gerade wegen dem moralisch-ethischen Gewicht ihres Heldentodes, waren die von Stalin mit ideologischem Odem eingehauchten toten Kriegsheldenunschlagbar. Ihre Aufopferung wurde zum Argument der Attacke aus dem Jenseits, weder moralisch noch politisch abwehrbar. Der Pathos der sowjetische Ästhetik befand sich zwischen zwei Realen: Leben und Tod. Immer im Kampf, Zeitlos.

Tödlich, blutig.
Nicht der Ehre wegen
Die Todesschlacht gilt nicht dem Leben.
Dem Leben auf der Welt...
Twardowski Gedicht "Wasili Tjeorkin"

Diese blutige und tödliche Schlacht ist eine Voraussetzung für das Leben in der Welt. Um so tödlicher und blutiger die Schlacht ist, um so wesentlicher und realer die Pracht des Lebens. Die Kraft und der Wert des Lebens werde durch die Blutrünstigkeit und Entsetzlichkeit des Todes definiert. In der Ambivalenz zwischen Leben und Tod, in dieser grundsätzlichen und dualistischen Struktur wollte die sowjetische Ideologie einen Spalt sehen, einen Gang in das "Niemandsland", ein Aufmarschgebiet, ein Behälter des "bösen Geistes", der wegen seiner Schlüsselposition in beide Richtungen wirkt.

Diese Idee ist weder schizophren noch zynisch zu bezeichnen, sie ist eher eine biblische Offenbarung auf teuflische Art. Eine Idee die sich in dem Mahnmal auf der Straße des 17. Juni verkörpert. Das Denkmal hat offensichtlich heidnischen Charakter, ähnlich wie bei den Vorvölkern wurde ein Begräbnis Ritual ausgeführt. Zwei Panzer und zwei Kanonen schließen die Anlage kompositorisch recht und links ab. Die Zahl zwei ist tief symbolisch, sie betont ideologischen Dualismus: eine Kanone und ein Panzer für die Lebenden, das andere Paar für die Toten. Die überirdisch aufgestellten Waffen deuten aufeine offene Gruft. Hier stehen wir nicht am Rande eines Grabes, sondern vor unseren Füßen klafft ein symbolisches Grabloch vom Boden bis in den Himmel.

Der Hauptknoten der Komposition ist ein Rotarmist auf der höchsten Säule in der Mitte der Anlage. Gerade das ist der repräsentative Platz zwischen Leben und Tod. Der Soldat ist fast gesichtslos, ein großer Helm wirft einen Schatten auf sein Gesicht dieses bleibt ewig von Tageslicht verschont. Die schweren Falten seines Militär Regenmantels entleiben seine Körper. Seine gigantische Hand streckt sich in einem herrschenden Gestus und symbolisiert die Kraft und den Willen des Geistes. Ein großes Bajonett auf den Schultern ist in den Himmel gerichtet. Abgesehen vom kommunistischen Atheismus betrifft es die J. Stalin Problematik selbst - bis zum letzten Atemzug bestreitet der gescheiterte Theologiestudent Gottes Worte, die auf der Tempelwand in Ninive erschienen sind:
ICH BIN DER ERSTE
ICH BIN DER LETZTE
UND ES GIBT KEIN GOTTAUSSER MIR.
Die Auflösung der kommunistischen Ideologie und der ihr folgende Bruch des sowjetischen Reiches haben das Ehrenmal ohne seine ursprüngliche Referenz gelassen. Die mächtige architektonische Anlage des Mahnmals im Zentrum der Hauptstadt ist zum symbolischen Phantom geworden, ein Punkt von großer Bedeutung wird frei für negative Interpretationen.

Mein Vorschlag für das Mahnmal im Tiergarten besteht aus der Bewässerung der Gesamtfläche des Monuments. Vier große Wasserfontänen in der Mitte, sechs kleinere Springbrunnen an den Seitensäulen und zehn weitere im Vorderbereich erschaffen eine räumlich monumentale Komposition. Ruhigfließendes Wasser auf den Stufen bringt das Gesamtwerk in ein Gleichgewicht. Das Wasser auf dem Mahnmal hat außer ästhetischen noch eine symbolische Bedeutung - es ist der Fluss der Geschichte, der Fakten kühlt und relativiert. Diese Fakten sind Grundbausteine unserer Kultur und sollen frei von Verfälschung und Manipulation sein. Ein Wasserpanzer gibt dem Monument eine sakrale Bedeutung - Tempel der Gefallenen. Das Wasser schützt die Ruhe, es ist organische Absperrung gegen den ideologischen und physischen Missbrauch. Der Fall der Mauer, die direkt vor dem Mahnmal verlief, hat Raum und Zeit in einem Streifen gesprengt: 1989 ist die neue Stunde 0 in der Geschichte der Deutschen Republik.

Im vorgestellten Projekt soll die Komposition von Wasserstrahlen sich jeden Tag verändern. Es wird zum Symbol. Genau hier verläuft der Nullmeridian der neuen europäischen Geschichte, neuer Denkweise. Auf diesen Platz stellen wir unsere politischen Uhr.

Über Leonid Sokhranski

Austellungen von Leonid Sokhranski



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