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Sind wir Glieder einer Kette?
/ Idee: Christof Hamann /
Wissenschaft und Kunst im Gespräch
‚Sind wir Glieder einer Kette?’
Über Generation und Familie in der Kultur der Gegenwart
Abbildung 1 als Hintergrund für den ersten Textteil: Charles Ray Family Romance (1993)
Um den unvergänglichen Zusammenhang von Generationen zu veranschaulichen, bedient sich Friedrich Schiller des Symbols des 'Kette': "Ein edles Verlangen muss in uns erglühen, zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt übernahmen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben müssen, auch aus unseren Mitteln einen Beitrag zu leisten und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen." Die Dankesschuld an die Vorwelt, die an die Nachwelt weiterzugeben ist, verwandelt sich weniger als hundert Jahre später bei Friedrich Nietzsche in eine negative: "Da wir nun einmal die Resultate früherer Geschlechter sind, sind wir auch die Resultate ihrer Verirrungen, Leidenschaften und Irrtümer, ja Verbrechen; es ist nicht möglich, sich ganz von dieser Kette zu lösen. Wenn wir jene Verirrungen verurteilen und uns ihrer für enthoben erachten, so ist die Tatsache nicht beseitigt, dass wir aus ihnen herstammen." Dass die Kette nicht zu lösen ist, erfährt etwa im deutschen Familienroman par excellence, Thomas Manns Buddenbrooks, die Tochter des Hauses. Tony, die sich in einen jungen, aber mittellosen Mann verliebt, muss sich von ihrem Vater sagen lassen: "Wir sind nicht für unser kleines, persönliches Glück geboren, denn wir sind nicht lose, unabhängige Einzelwesen, sondern Glieder einer Kette."
Abbildung 2 als Hintergrund für den zweiten Textteil: Wolfgang Tilmans Rachel Auburn & Son (1995)
In der deutschen Gesellschaft der Gegenwart scheint das Problem mit der Kette gelöst zu sein. Wir leben im Zeitalter der Schrumpf-, Rumpf- und Patchworkfamilien. Die Kinderzahlen nehmen ab, die Verwandtschaftsbäume werden immer schlanker. Allerdings: In der Literatur hat der Generationenroman gegenwärtig wieder einmal Konjunktur. Die Romane John von Düffels, Arno Geigers, Irene Dische oder Anna Mitgutschs, um nur wenige Autorinnen und Autoren zu nennen, begnügen sich nicht damit, Konflikte zwischen Eltern und Kindern auszuphantasieren, sondern dehnen ihre literarischen Entdeckungsreisen auf Großeltern, Urgroßeltern und sogar Ururgroßeltern aus. Und sie haben großen Erfolg damit, wie die Verkaufszahlen etwa von John von Düffels Houwelandt oder Arno Geigers Es geht uns gut belegen. Auch im Bereich der Wissenschaft und des Journalismus besitzt das Thema 'Generation' und 'Familie' derzeit enorme Bedeutung: Literaturwissenschaftlerinnen wie Aleida Assmann und Sigrid Weigel interessieren sich ebenso für das Thema wie der Germanist Albrecht Koschorke, der einen Essay über Die heilige Familie und ihre Folgen verfasst hat, oder die Journalistin Iris Radisch, die sich in Die Schule der Frauen damit beschäftigt, wie "wir die Familie neu erfinden". Anlass genug also, um auf einem Symposion Wissenschaft, Journalismus und Literatur ins Gespräch zu bringen über das Faszinosum Familie in einer Zeit, in der die Familienkette gerissen zu sein scheint.
Über Christof Hamann
geb. 1966 in Ludwigshafen am Bodensee, lebt in Solingen; Schriftsteller und Assistent am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bamberg.Preise / Stipendien (Auswahl):
Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa, Literarisches Colloquium Berlin (2000)
Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg (2001)
Förderpreis des Landes NRW für Literatur (2002)
Preis ‚Debüt im Buddenbrookhaus’ (2003)
Stipendiat der Kunststiftung NRW (2005)
Stipendiat der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen (2007)
Austellungen von Christof Hamann
Ausgewählte Publikationen:Grenzen der Metropole. New York in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Opladen 2001
Seegfrörne. Roman, Göttingen 2001 (Taschenbuch 2003)
(Mithg.): Räume der Hybridität. Postkoloniale Konzepte in Theorie und Literatur, Hildesheim u.a. 2002
Fester. Roman, Göttingen 2003
(Hg.): Afrika. Kultur und Gewalt, Iserlohn 2004
(Mithg.): Odradeks Lachen. Fremdheit bei Kafka, Freiburg 2006
(Mithg.): Literatur und Migration (Text&Kritik Sonderheft 2006)
(gemeinsam mit Susanne Catrein): Warschauer Lapidarium. Text-Foto-Collage, Düsseldorf 2007
Usambara. Roman, Göttingen 2007
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